Mehr Wissen gilt in unserer Gesellschaft als etwas Positives. Wer studiert hat, bekommt ein gewisses Prestige. Der Person wird Intelligenz und Verantwortung zugesprochen.
Gerade im Pferdebereich gibt es auch den umgekehrten Schluss: Das Tragen von Verantwortung wird oft gleichgesetzt mit Informiertheit, Recherche und Aufmerksamkeit. Dabei ist der Wissensstand in der Pferdewelt sehr unterschiedlich.

Und oftmals fühlt es sich nicht besser an, mehr zu wissen. Ganz im Gegenteil:
Je mehr man weiß, desto angespannter fühlt man sich oft, wenn es um die Pferdegesundheit geht. Und manchmal fühlt es sich auch so an, als würde mit dem Wissen noch mehr Krankheit einhergehen.

Dieses Paradox ist kein Zufall, sondern psychologisch gut erklärbar.

Wissen verändert die Wahrnehmung

Wer sich intensiv mit Pferdegesundheit beschäftigt, sieht mehr:

  • kleine Veränderungen im Gangbild
  • minimale Verhaltensabweichungen
  • mögliche Symptome hinter Verhaltensweisen, die andere gar nicht kennen

Das bedeutet nicht, dass das Pferd plötzlich kränker ist, sondern nur, dass die Wahrnehmung feiner geworden ist.

Wenn Wissen um Pferdegesundheit die Verantwortung verstärkt

Es ist in gewissem Maße ein Teufelskreis: Wer ein krankes Pferd hat, beschäftigt sich mit den Hintergründen von Pferdegesundheit (Was braucht ein Pferd?, Was für Krankheiten gibt es? Welche Symptome gibt es?). Wer aber mehr über Pferdegesundheit weiß, sieht auch mehr Symptome und mit zunehmendem Wissen wächst oft auch das Gefühl von Verantwortung:

  • Wenn ich es weiß, muss ich handeln
  • Wenn ich es erkenne, darf ich es nicht ignorieren
  • Wenn etwas schiefgeht, hätte ich es wissen müssen

So wird Wissen nicht nur zur Ressource, sondern macht vor allem Druck.

Viele erleben dann:

  • Grübelschleifen
  • Angst, etwas zu übersehen
  • Schuldgefühle bei jedem Rückschlag
  • Schlechtes Gewissen, weil man es nicht früher gesehen hat

Nicht, weil sie übervorsichtig sind, sondern weil sie die Verantwortung für den Besitz eines Tiers ernst nehmen.

Bestätigungsfehler: Warum sich die Sorge oft verstärkt

Ein weiterer psychologischer Mechanismus spielt hier eine große Rolle: der Bestätigungsfehler.

Wer sich intensiv mit bestimmten Erkrankungen beschäftigt, nimmt Anzeichen oder Symptome dafür schneller wahr (so wie Personen, die Angst vor Spinnen haben, die ersten sind, die die Spinne an der Wand sehen).

Das Gehirn sucht nach Mustern. Besonders unter Stress. So entsteht leicht das Gefühl: Überall sind Risiken für Krankheiten für mein Pferd.

Wissen ohne Entlastung ist keine Lösung

Problematisch wird es dann, wenn Wissen zwar angehäuft wird, aber nicht begleitet wird von inneren Strategien. Denn dann sehen wir nur die Risiken und womöglich auch nur, was wir alles noch nicht wissen. Womöglich denken wir sogar, dass wir früher mehr Wissen hätten haben sollen.

Man kann sich also fragen:

  • Wie gehe ich mit Unsicherheit um?
  • Wann ist Aufmerksamkeit hilfreich und wann überfordernd?
  • Wo endet Verantwortung und wo beginnt Überforderung?
  • Hilft mir mein Wissen, konkret handlungsfähig zu werden oder zu bleiben?

Ohne diese Einordnung bleibt Wissen oftmals etwas, das uns Angst macht. Viele versuchen dann:

  • noch mehr zu recherchieren
  • noch genauer hinzusehen
  • noch konsequenter zu kontrollieren

Das Problem dabei: Es ist nie genug und man fühlt sich dadurch nicht sicherer.

Wenn das Pferd zur mentalen Daueraufgabe wird

Gerade bei chronischen oder unklaren Erkrankungen wird Wissen schnell Teil einer Dauerbelastung. Das Nervensystem kommt kaum zur Ruhe, weil wir ständig genau beobachten was sich verändert und immer nach Lösungen suchen. Das kostet Kraft und sollte ernst genommen werden. Dafür ist es wichtig zu wissen, welche Strategien zur individuellen Entlastung hilfreich sind.

Ein anderer Umgang mit Wissen

Entlastung entsteht nicht durch weniger Wissen, sondern durch einen anderen inneren Umgang damit.

Zum Beispiel:

  • Anerkennen was man schon alles gelernt hat
  • Wissen als Chance sehen, aber nicht als Verpflichtung

Leider gibt es keinen einfachen Schalter, um die innere Haltung zu verändern. Es hilft nur, sich regelmäßig zu hinterfragen, manchmal auch mit der Hilfe einer außenstehenden Person, wie zum Beispiel in meiner psychologischen Begleitung für Besitzer*innen kranker Pferde. Wenn du Fragen dazu hast, oder eine Begleitung wünschst, kannst du direkt ein kostenloses Kennenlerngespräch vereinbaren.


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