Wenn Verantwortung und Liebe zu Ohnmacht führen

Wer ein chronisch krankes Pferd besitzt und über eine lange Zeit begleitet, erlebt oft irgendwann ein großes Gefühls- und Gedankenchaos. Die Gedanken kreisen immer wieder um das Pferd, es werden verschiedene Quellen für Fachwissen herangezogen und alles versucht, damit es dem Pferd besser geht, aber trotzdem bleiben die Schuldgefühle bei chronisch kranken Pferden.

Schuldgefühle sind manchmal schwer einzuordnen, nicht immer ist sofort klar, wofür man sich schuldig fühlt. Es kann auch ein ganz diffuses Gefühl von Schuld sein: Ich bin daran schuld, dass mein Pferd krank ist oder ich bin schuld daran, dass es meinem Pferd nicht besser geht. Nicht immer kann man auch einordnen, warum man dieses Gefühl hat oder was man anders machen sollte bzw. in der Vergangenheit besser anders gemacht hätte, aber das Gefühl bleibt beständig und frisst einen innerlich auf.
Gerade Menschen, die sehr reflektiert sind und eine enge Beziehung zu ihrem Pferd haben, kennen dieses innere Ringen und fühlen sich deswegen miserabel. Ich möchte hier gern die psychologischen Hintergründe beleuchten: Was sind Schuldgefühle? Wo kommen sie her? Sind sie nützlich? Und kann man das abschalten?


Was Schuldgefühle sind und wozu sie dienen

Schuldgefühle sind (klar, das sagt schon das Wort) Gefühle. Dabei gehören sie zu den Gefühlen, die unangenehm sind und uns eher hemmen (wie auch Enttäuschung und Hilflosigkeit). Sie entstehen, wenn wir glauben, einer Verantwortung oder einer Beziehung nicht gerecht geworden zu sein. Dabei geht es darum, dass wir eine gewisse Erwartung an uns selbst haben, die wir an unseren Selbstwert knüpfen. Der Hintergrund, an dem wir unsere Handlungen messen, sind unsere eigenen moralischen Ansprüche oder Werte, teilweise aber auch erlernte, gesellschaftliche Werte, die nicht unbedingt mit unseren eigenen Werten übereinstimmen müssen.

Das bedeutet zum Beispiel, dass ich mich für einen sehr organisierten Menschen halte, der sich um das Wohlbefinden meiner Pferde sorgt. Doch dann vergesse ich einmal, den Bedampfer anzustellen, obwohl eines meiner Pferde equines Asthma hat. Das senkt automatisch meinen Selbstwert: Offenbar bin ich doch nicht so organisiert und das Wohlbefinden meiner Pferde liegt mir nicht so sehr am Herzen, wie ich dachte. Zumindest ist das der erste Schluss, den ich schnell ziehen könnte.

Aus wissenschaftlicher Sicht kommen Schuldgefühle aus einem sinnvollen Gedanken heraus:
Sie helfen uns, soziale Beziehungen aufrechtzuerhalten, motivieren zur Rücksichtnahme, zur Korrektur des eigenen Verhalten und zur Übernahme von Verantwortung. Menschen, die Schuld empfinden können, sind in der Regel empathisch, beziehungsfähig und aufmerksam gegenüber den Bedürfnissen anderer.

Aber wie so oft ist die Frage, ob eine Balance gehalten werden kann. Problematisch werden Schuldgefühle kann, wenn sie nicht mehr handlungsbezogen, sondern identitätsbezogen werden, so wie in meinem Beispiel oben. Du hast es vielleicht beim ersten Lesen nicht bemerkt (ich habe dich schließlich auch direkt mit dem Selbstwert mit der Nase darauf gestoßen), aber der beschriebene Gedankengang stellt sofort meine Persönlichkeit in Frage. Dabei könnte die Reaktion auch sein: Ich schäme mich dafür, dass ich mich so überlastet habe, dass ich den Bedampfer vergessen habe. Das sollte ich als Warnzeichen nehmen und etwas ändern, um meinen Ansprüchen weiter gerecht werden zu können.
Oder plakativ gesagt: wenn aus Ich habe vielleicht etwas falsch entschieden ein Ich bin nicht gut genug für mein Pferd wird, ist das womöglich ein übertriebenes Schuldgefühl, das lähmt und die Realität verzerrt.

Eigentlich sollten die Schuldgefühle mit einer Reflexion einhergehen, die uns sagt: Ja, ich habe da etwas falsch gemacht und sollte daraus lernen (oder auch: ich habe alles nach bestem Wissen und Gewissen gemacht, aber mir fehlte Hintergrundwissen, um richtig entscheiden zu können). Dann sind sie zielführend.

Der Besitz chronisch kranker Pferde ist ein klassischer Bereich, in dem Schuldgefühle ihre regulierende Funktion verlieren.


Chronische Krankheit: Wenn Verantwortung auf Unlösbarkeit trifft

Ganz gleich, ob es sich um Arthrose, Hufrehe, EMS, Atemwegserkrankungen oder andere langfristige Themen handelt: chronische Verläufe zeichnen sich dadurch aus, dass sie keinen (klaren) Endpunkt haben. Und genau hier entsteht psychologisch ein Spannungsfeld: Du bist dir deiner Verantwortung bewusst, siehst die Probleme, aber irgendwann sind die Möglichkeiten ausgeschöpft, um noch etwas zu verbessern.

Das ist der perfekte Nährboden für lang anhaltende Schuldgefühle, denn wir sind in einer gewissen Hilflosigkeit gefangen (eigentlich sollten die Schuldgefühle ja dazu führen, dass wir Verantwortung übernehmen und uns bessern) und es kann immer wieder Rückschläge geben. Immer wieder versuchen wir dann auch, einen Grund für das alles zu suchen. Und den suchen wir dann auch bei uns.


Das Dilemma: Es gibt kein perfektes Handeln

Ein zentraler Verstärker von Schuldgefühlen ist der Wunsch nach der richtigen Entscheidung. Doch bei chronisch kranken Pferden existiert diese oft nicht. Wir sind ständig mit Ambivalenzen konfrontiert, weil es beispielsweise nicht die perfekte Haltungsform oder das perfekte Training gibt:

  • In dem einen Stall gibt es viel frische Luft und Auslauf mit einer staubarmen Liegefläche, aber dafür wird trockenes Heu gefüttert
  • In einem anderen Stall wird bedampftes Heu gefüttert, aber die Bewegung ist eingeschränkt und in der Nachbarbox wird mit Stroh eingestreut
  • Ein langer Galopp tut meinem Pferd gut, aber ich kann heute nicht ausreiten gehen weil es schon dunkel ist, also geht das nur in der staubigen Reithalle

Pferdebesitzer*innen erleben hier dauerhaften Entscheidungsstress. Entscheidungen müssen immer wieder neu getroffen werden, unter unsicheren Bedingungen und ohne die Garantie, dass sie richtig ist oder für das Pferd etwas verbessert.


Wenn Schuldgefühle zu Dauerstress werden

Kurzfristige Schuldgefühle können sinnvoll sein. Sie helfen, innezuhalten, nachzujustieren und Probleme zu lösen. Langfristige Schuldgefühle hingegen wirken ganz anders.

Anhaltende Schuldgefühle gehen mit einem erhöhtem Stressniveau, innerer Erschöpfung und emotionaler Überlastung einher. Aber: Menschen fühlen sich immer wieder auch dann schuldig, wenn sie objektiv nichts falsch gemacht haben. Zum Beispiel, weil sie von jemandem kritisiert wurden, oder eine unrealistische Erwartungshaltung an sich selbst haben (durch einen ausgeprägten Perfektionismus).


Wenn Schuldgefühle nicht aus der Situation, sondern aus inneren Antreibern entstehen

Es entstehen also nicht alle Schuldgefühle aus einem tatsächlichen Versagen. Viele entstehen aus inneren Überzeugungen, die wir über Jahre entwickelt oder übernommen haben. Dazu gehören Gedanken wie:

  • Ich muss alles richtig machen
  • Wenn mein Pferd leidet, habe ich versagt
  • Wer Verantwortung übernimmt, darf keine Grenzen haben
  • Wenn ich nicht mehr kann, bin ich eine schlechte Pferdebesitzerin

Oftmals sind wir uns dieser Gedanken und Glaubenssätze nicht bewusst. Besonders Menschen, die sehr empathisch, gewissenhaft und verantwortungsbewusst sind, neigen jedoch dazu, so mit sich selbst zu sprechen. Genau diese Eigenschaften führen dann dazu, dass Schuldgefühle entstehen und sich nicht so leicht auflösen lassen, selbst dann, wenn objektiv keine Schuld vorliegt.

Psychologisch spricht man hier von übernommenen Schuldgefühlen. Sie entstehen nicht aus einem konkreten Fehlverhalten (weil sie in der Regel gar nicht in unserem Einflussbereich liegen), sondern aus einer inneren Verpflichtung, immer mehr leisten zu müssen, als realistisch möglich ist.

Verantwortung heißt nicht, Allmacht zu besitzen

Ein wichtiger, aber schmerzhafter Punkt im Leben mit chronisch kranken Pferden ist die Erkenntnis:
Verantwortung zu tragen bedeutet nicht, alles kontrollieren zu können.

Du triffst Entscheidungen auf Basis von:

  • deinem (im Moment der Entscheidung) aktuellen Wissen
  • deinen körperlichen, emotionalen und finanziellen Ressourcen
  • äußeren Rahmenbedingungen, die du nicht beeinflussen kannst

Dass sich eine Krankheit trotzdem verschlechtert oder stagniert, ist kein Beweis für persönliches Versagen. Schuldgefühle können dann auch aus einer Überschätzung der eigenen Einflussmöglichkeiten entstehen. Liebe und Fürsorge werden innerlich damit gleichgesetzt, eine Veränderung zu bewirken, doch das Leben hält sich nicht immer an diese Logik.


Schuldgefühle als Zeichen von Bindung, nicht von Versagen

Ich möchte dir gern einen wichtigen Perspektivwechsel anbieten:
Schuldgefühle sind kein Beweis dafür, dass du versagt hast. Sie sind ein Hinweis darauf, dass dir dein Pferd wichtig ist.

Viele Pferdemenschen haben beeindruckend viel Fachwissen. Sie lesen Studien, tauschen sich aus, reflektieren ihre Entscheidungen intensiv. Und trotzdem bleiben Schuldgefühle.

Wenn dir dein Pferd gleichgültig wäre, würdest du keine Schuld empfinden, wenn es ihm nicht gut geht. Du würdest es womöglich nicht einmal bemerken.

Viele Pferdebesitzer*innen richten ihren inneren Maßstab jedoch extrem hoch aus. Sie vergleichen sich mit Idealbildern, die realistisch vermutlich nie erreichbar sind und verlieren dabei den Blick für die reale, individuelle Situation.

Psychologisch hilfreich ist es, Schuldgefühle nicht als Urteil, sondern als Signal zu betrachten. Ein Signal dafür, wie sehr dir die Beziehung und das Wohlergehen deines Pferdes am Herzen liegen.



Wenn Schuldgefühle Grenzen verhindern

Ein besonders problematischer Aspekt von chronischen Schuldgefühlen ist, dass sie das Setzen von gesunden Grenzen untergraben. Viele Pferdebesitzer*innen spüren, wann sie eigentlich eine Pause bräuchten, aber die Schuldgefühle hindern sie daran, das umzusetzen. Zum Beispiel durch solche Gedanken:

  • Dein Pferd braucht dich mehr als du dich selbst
  • Wenn du dich abgrenzt, bist du egoistisch
  • Wenn du eine Pause nimmst, lässt du dein Pferd im Stich

Dabei ist das Gegenteil der Fall:
Wenn wir die Gefühle nicht anerkennen und keine Grenzen setzen, wird Verantwortung schnell zur Überforderung und Überforderung führt langfristig nicht zu einer besseren Versorgung des Pferdes, sondern zu Erschöpfung, innerem Rückzug oder Resignation.

Grenzen zu setzen heißt nicht, das eigene Pferd weniger zu lieben. Es heißt nur, realistisch mit den eigenen Kräften umzugehen und ist nichts, wofür man sich schämen sollte oder was einem Schuldgefühle bereiten sollte.

Ein Perspektivwechsel: Von Schuld zu Mitgefühl

Ein hilfreicher Schritt im Umgang mit anhaltenden Schuldgefühlen ist, die innere Bewertung zu verändern. Statt zu fragen:

Was habe ich falsch gemacht?
kann die Frage lauten:
Was war unter diesen Umständen überhaupt möglich?

Oder: Was würde ich einer Freundin sagen, die in meiner Situation ist?

Ein Perspektivwechsel kann ein erster Schritt sein, gerade auf der kognitiven Ebene, indem wir wahrnehmen, dass wir bei uns selbst unrealistische Maßstäbe ansetzen, die wir von anderen nicht erwarten würden. Sicherlich lösen sich dadurch nicht plötzlich alle Schuldgefühle in Luft auf, aber es ist ein erster Ansatzpunkt, den du allein ausprobieren kannst.


Psychologische Begleitung als stabilisierender Faktor

Manchmal schaffen wir es trotzdem allein nicht, die Schuldgefühle loszuwerden. Auch das ist nichts, wofür man sich schämen muss. Deswegen gibt es bei mindEquus eine psychologische Begleitung für Besitzer*innen kranker Pferde.

In der Begleitung geht es nicht darum, dir neue Einsichten zu erklären, sondern darum, gemeinsam mit dir hinzuschauen, wo deine Schuldgefühle in deinem ganz individuellen Alltag entstehen und warum sie sich so hartnäckig halten.

Das kann helfen:

  • Schuldgefühle zu verstehen, statt gegen sie anzukämpfen
  • Die Hintergründe der Schuldgefühle aufzudecken und zu verstehen
  • Glaubenssätze zu bearbeiten und zu verändern
  • innere Maßstäbe realistischer und mitfühlender zu gestalten
  • emotionale Überlastung frühzeitig wahrzunehmen

Wenn du möchtest, kannst du hier ein kostenloses Kennenlerngespräch buchen und herausfinden, ob dir eine psychologische Begleitung gut tun würde.


Ein abschließender Gedanke

Vielleicht darfst du dir heute erlauben, deine Schuldgefühle ein bisschen weniger werden zu lassen.

Wenn du möchtest, schreibe dir doch folgende Sätze einmal auf, um sie immer mal wieder zu lesen:

Verantwortung zu tragen bedeutet nicht, alles kontrollieren zu können.
Schuldgefühle sind kein Beweis dafür, dass ich versagt habe. Sie sind ein Hinweis darauf, dass mir mein Pferd wichtig ist.
Ich begleite mein Pferd so gut ich kann und muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich eine Pause brauche.

Wenn dir diese Sätze gut tun, aber innerlich trotzdem Widerstand oder Traurigkeit bleiben, ist das kein Zeichen dafür, dass du etwas falsch machst. Gefühle lassen sich nicht einfach wegdenken und manchmal steckt auch noch mehr dahinter.

Du musst diesen Weg auch nicht alleine gehen. Genauso wie du für dein Pferd einen Tierarzt oder eine Tierärztin holst, damit ihm geholfen wird, kannst du auch für dich selbst Verantwortung übernehmen.


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