Wenn ein Pferd krank wird, wenden sich die Besitzer*innen meist zuerst (und oft ausschließlich) an die Tierärztin oder den Tierarzt. Das ist richtig und wichtig. Tierärzt*innen sind medizinische Fachpersonen. Sie beurteilen die Symptome, stellen eine Diagnose, arbeiten einen Behandlungsplan aus und begleiten den körperlichen Heilungsprozess. Davor habe ich aller größten Respekt.
Was dabei oft unsichtbar bleibt, ist die emotionale Belastung bei einem kranken Pferd, die viele Besitzer*innen zusätzlich zu all den praktischen Herausforderungen tragen. Gerade bei langwierigen oder chronischen Erkrankungen des Pferdes bräuchte es oftmals mehr als das, was Tierärzt*innen leisten können.
Auf Pferdeseite kann das vielleicht durch Physiotherapeut*innen gelöst werden, aber oftmals hören da die Gedanken auf. Doch auch der Mensch ist durch ein krankes Pferd stark belastet. Teilweise besteht die unbewusste Erwartungshaltung, dass Tierärzt*innen sich auch darum kümmern müssen, teilweise werden sie so stark mit der emotionalen Belastung konfrontiert, dass ihnen gar nichts anderes übrig bleibt, als Unterstützung zu leisten. Dabei ist das gar nicht ihre Aufgabe!
Die Rolle von Tierärzt*innen
Tierärzt*innen leisten Enormes. Sie arbeiten oft unter Zeitdruck, emotionalem Stress und mit hoher Verantwortung. Dabei haben sie es nicht nur regelmäßig mit Tierleid zu tun und erleben selbst Schlafprobleme durch Notdienste, sondern sie sind auch regelmäßig mit allen Ausprägungen von Emotionalität durch Tierbesitzer*innen konfrontiert. Dabei ist ihre Kernaufgabe klar definiert:
- Diagnostik
- Therapie
- Prognoseeinschätzung
- medizinische Beratung
Was nicht zu ihrer Ausbildung gehört, ist die kontinuierliche psychologische Begleitung von Tierhalter*innen. Sie sind keine Therapeut*innen, keine Coaches, keine Krisenbegleiter. Trotzdem werden sie im Alltag häufig in genau diese Rolle gedrängt.
Gerade in Situationen wie:
- bei langer Boxenruhe
- unklaren Prognosen
- wiederkehrenden Rückschlägen
- Entscheidungen über Therapieabbruch oder Euthanasie
In diesem Momenten können selbst die empathischsten Tierärzt*innen an ihre Grenzen stoßen. Nicht aus mangelndem Mitgefühl, sondern weil diese Form der Begleitung nicht ihre Aufgabe ist. Vor allem dann, wenn Tierhalter*innen lange nicht wahrhaben wollen, wie es um ihr Pferd steht und dadurch plötzlich mit der Situation konfrontiert werden, ihr Pferd loslassen zu müssen. In diesem Moment ist das Kind schon in den Brunnen gefallen: Sich im Vorfeld mit Themen wie Verlust und Tod auseinanderzusetzen kann dabei helfen, in der tatsächlichen Situation mental stabiler zu bleiben. Doch dafür sind nicht die Tierärzt*innen zuständig, eine Psychotherapie ist allerdings auch nicht angebracht. Es benötigt eine empathische psychologische Begleitung und genau das habe ich mit mit mindEquus zur Aufgabe gemacht, nachdem ich selbst erleben musste, wie es ist, über lange Zeit ein chronisch krankes Pferd mit Herzproblemen, Magenproblemen, equinem Asthma und Pseudonarkolepsie zu begleiten.
Wenn unausgesprochene Erwartungen zur Belastung werden
Für Besitzer*innen fühlt sich eine Krankheit des Pferdes oft existenziell an und das kann sie manchmal auch sein, wenn es um Leben und Tod geht. Das Pferd ist oftmals ein Partner, vielleicht ein Seelentier, auf jeden Fall ein Familienmitglied. Entsprechend hoch ist der emotionale Druck.
Häufig entstehen innere Fragen wie:
- „Treffe ich die richtigen Entscheidungen?“
- „Übersehe ich etwas?“
- „Was, wenn ich zu früh oder zu spät aufhöre?“
Diese Fragen gehören natürlich zum Teil in das Gespräch mit den Tierärzt*innen, doch diese können ausschließlich aus tiermedizinischer Sicht antworten. Ihnen fehlt die Ausbildung und oftmals auch die Zeit, um die emotionalen Auswirkungen von schlechten Prognosen aufzufangen.
Manche versuchen es gar nicht erst (teilweise aus Selbstschutz oder Zeitnöten), andere sind sicherlich gut darin, müssten diese Begleitung aber nicht in vollem Ausmaß leisten. Denn wenn Tierärzt*innen auch noch die emotionale Belastung von Tierhalter*innen behandeln müssen, drohen:
- emotionale Überforderung und Zeitnot bei den Tierärzt*innen
- Frustration auf beiden Seiten
- unausgesprochene Konflikte
- das Gefühl bei den Tierhalter*innen, von den Tierärzt*innen „nicht gesehen“ oder „nicht gut genug beraten“ zu sein
Krankheit betrifft immer zwei Ebenen: Körper und Psyche
Während die Tiermedizin den Körper des Pferdes behandelt, bleibt die psychische Belastung der Besitzer*innen oft unsichtbar. Dabei beeinflussen sich beide Ebenen gegenseitig:
- Dauerstress kann die Entscheidungsfindung und die mentale Klarheit erschweren. Ein Mensch im chronischen Stress befindet sich permanent im Alarmzustand.
- Angst und Hilflosigkeit können den Blick auf Fortschritte verstellen, sodass Frust entsteht und die Leistung der Tierärzt*innen infrage gestellt wird
- emotionale Erschöpfung kann den Alltag mit dem kranken Pferd massiv belasten
Diese Aspekte brauchen Raum und sollten nicht übersehen werden, aber sie gehören nicht allein in die Hände von Tierärzt*innen. Wenn emotionale Fragen, Sorgen und innere Konflikte an einem passenden Ort bearbeitet werden, können tierärztliche Gespräche wieder sachlicher, ruhiger und zielführender geführt werden.
Psychologische Begleitung als Unterstützung für Tierärzt*innen und Pferdebesitzer*innen
Genau hier setzt meine psychologische Begleitung für Besitzer*innen kranker Pferde an. Sie ist eine ergänzende Unterstützung für Tierärzt*innen und Pferdebesitzer*innen, damit sich alle wieder auf das konzentrieren können, was ihre Kernkompetenz ist und für das Pferd am wichtigsten ist.
Themen, die in einer psychologischen Begleitung Raum finden können, sind:
- Umgang mit Angst, Schuldgefühlen und Entscheidungsdruck
- Stabilisierung in Phasen von Boxenruhe oder Rückschritten
- innere Klarheit bei schwierigen Prognosen
- Stärkung der eigenen Handlungsfähigkeit
- Verständnis für die Krankheit und die Auswirkungen (im besten Fall durch die Kooperation von Tierärzt*innen und psychologischer Begleitung), denn durch eine außenstehende Person wird die Emotionalität abgeschwächt
Mir ist wichtig, dass niemand mit der emotionalen Belastung bei einem kranken Pferd allein klarkommen muss. Wenn verschiedene Kompetenzen zusammengelegt werden, kann das Beste für Pferd und Mensch erreicht werden, ohne dass dabei eine oder mehrere Personen ausbrennen.
Dafür bringe ich nicht nur mein Psychologiestudium mit, das ich mit einer Masterarbeit zum Thema Stress bei Besitzer*innen chronisch kranker Pferde und der Untersuchung einer Hypnose-Intervention zur Stressreduktion beendet habe, sondern auch viel eigene Erfahrung mit kranken Pferden.
Wenn du als Tierärzt*in, Therapeut*in oder Reha-Trainer*in spürst, dass mentale Entlastung für Pferdemenschen eine sinnvolle Ergänzung deiner Arbeit sein kann, findest du hier weitere Informationen zu Kooperationen.


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