Wenn Sorgen mit in den Stall gehen

Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Du stehst neben deinem Pferd, streichelst seinen Hals und sprichst beruhigend auf es ein. Und trotzdem ist da diese innere Anspannung, die du nicht kontrollieren kannst. Die dir manchmal Magenschmerzen und schlaflose Nächte bereitet und die dazu führt, dass du schon wieder nach neuen Symptomen bei deinem Pferd suchst.

Und manchmal hast du den Eindruck, dein Pferd spürt das genau.

Wahrscheinlich ist das keine Einbildung, aber es ist auch kein Vorwurf, dass ich das sage!

Pferde nehmen sehr feine Signale wahr. Das müssen sie als Fluchttiere, um überleben zu können. Und sie haben auch sehr feine Antennen für menschliche Stimmungen und Emotionen. Sie nehmen Veränderungen in Körperspannung, Atmung, Bewegung und sogar im Geruch unseres Schweißes wahr. Das bedeutet: dein Pferd merkt, dass du Angst oder Sorgen mit in den Stall bringst. Auch wenn es ziemlich sicher nicht in der Lage ist zu erkennen, woher sie kommen.


Warum gerade kranke Pferde besonders sensibel reagieren

(Achtung: Diese Annahmen basieren nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und Studien, sondern auf meiner persönlichen Erfahrung und Rückschlüssen, die ich gezogen habe!)

Ein Pferd, das (chronisch) krank ist, lebt häufig selbst mit körperlicher Unsicherheit. Schmerzen, Einschränkungen oder wiederkehrende Symptome können nicht nur den Körper verändern, sondern auch das Sicherheitsgefühl in Bezug auf den eigenen Körper. Es kann also sein, dass dein Pferd noch aufmerksamer ist als sonst. Auch das ist evolutionär betrachtet sehr sinnvoll: ein krankes Pferd kann womöglich nicht so einfach fliehen und sollte noch mehr darauf bedacht sein, dass es in Sicherheit ist.

In diesem Zustand orientieren sich viele Pferde stärker an ihren Bezugspersonen, sofern sie zu diesen eine sichere Bindung aufgebaut haben. Wenn sie nicht sicher an eine Person gebunden sind, fällt es ihnen häufig schwerer, sich fallen zu lassen, so meine Erfahrung. Pferde suchen nach Stabilität, Klarheit und emotionaler Verlässlichkeit. Wenn du selbst innerlich sehr angespannt bist, spürt dein Pferd diese Spannung. Deine Atmung ist flacher, deine Berührungen vielleicht etwas fester, deine Bewegungen minimal schneller oder vorsichtiger. All das sind Informationen für dein Pferd.

Und manchmal wird es dadurch selbst unruhiger, vorsichtiger oder empfindlicher. Das kann zum Beispiel auch bei Behandlungen oder Untersuchungen durch Tierärzt*innen oder Therapeut*innen relevant werden. Deswegen kann es sogar sinnvoll sein, nicht selbst anwesend zu sein, wenn eine wichtige Untersuchung ansteht, bei der man befürchtet, dass das Pferd davon gestresst wird. Auch wenn das erst einmal kontraintuitiv ist.


Der Teufelskreis aus Sorge und Anspannung

Viele Besitzer*innen chronisch kranker Pferde geraten unbemerkt in einen inneren Kreislauf. Du sorgst dich um dein Pferd, also wirst du wachsamer. Du beobachtest genauer, kontrollierst mehr und willst auf keinen Fall ein Symptom übersehen, bei dem du handeln müsstest. Das ist pure Anspannung. Und diese Anspannung überträgt sich auf dein Pferd, das wiederum sensibler reagiert und ggf. selbst mehr auf seine Schmerzen oder ähnliches achtet. Seine Reaktionen verstärken deine Sorge und der Kreislauf beginnt von vorn.

Im Prinzip ist das ein Zeichen, dass ihr euch gut versteht und du dein Pferd sehr liebst, aber es kann natürlich die Belastung verstärken. Deswegen ist es wichtig, das Pferd nicht immer nur als Patient zu sehen.


Was dein Pferd wirklich von dir braucht

Dein Pferd braucht keine perfekte Version von dir, die immer ruhige und sicher ist. Das ist auch utopisch und kein Ziel, das man sich setzen sollte. Es braucht dich als echten, authentischen Menschen, der nicht nur die Krankheit im Blick hat, sondern das große Ganze.

Wenn du es schaffst, mit der Belastung gelassener umzugehen, kann auch dein Pferd davon profitieren. In der Praxis kann auch schon eine kleine Veränderung einen großen Unterschied machen: Ein bewusster, tiefer Atemzug und das Ankommen im Stall. Das gedankliche Abhaken des Krankheitsthemas und der Fokus auf das, was euch zusammen Freude bereitet. Ein Stück Normalität und Routine oder immer gleiche Abläufe.


Es geht nicht um Schuld, sondern um Bewusstsein

Vielleicht spürst du beim Lesen ein Ziehen im Magen oder eine Enge in der Brust. Vielleicht denkst du bei dir: „O Gott, dann schade ich meinem Pferd ja, wenn es mir schlecht geht.“

Dazu möchte ich dir sagen: Nein, du schadest deinem Pferd nicht, weil du dich schlecht fühlst. Außerdem würde dir dieser Gedanke wahrscheinlich nicht helfen, sondern nur dein schlechtes Gewissen befeuern.

Aber du darfst erkennen, dass auch du ein Teil eines Systems bist und dass Veränderung nur passieren kann, wenn wir mehrere Komponenten mit einbeziehen. Uns und unsere Pferde.

Viele Pferdemenschen stellen sich stattdessen selbst hinten an. Die Bedürfnisse des Pferdes sind wichtiger, dringender und sichtbarer als die eigenen. Dabei sollten wir auch auf uns selbst achten. Nicht nur, weil auch unsere Gesundheit wichtig ist, sondern auch weil wir nur für unsere Pferde da sein können, wenn es uns gut geht und natürlich auch, weil wir unsere Pferde nicht schlechter sehen müssen, als es eigentlich ist.



Wenn du merkst, dass du dich selbst dabei verlierst …

… dann darfst du dir Unterstützung erlauben. Die kann ganz unterschiedlich aussehen. Vielleicht bittest du jemanden, die Untersuchung deines Pferdes zu begleiten, der mehr emotionalen Abstand dazu hat oder du suchst dir eine Person, mit der du ganz offen über deine Sorgen sprechen kannst.

Letzteres kann auch in einer psychologischen Online-Begleitung durch mindEquus stattfinden. Darin bekommst du Raum, alles anzusprechen, ohne dafür verurteilt zu werden und wir können gemeinsam Strategien für deine mentale Gesundheit erarbeiten, damit du dich wieder wohler fühlst und ggf. auch weniger Stress auf dein Pferd überträgst. Wenn du möchtest, kannst du gleich ein kostenloses Kennenlerngespräch buchen.


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