Was meine Masterarbeit über Stress bei Besitzer*innen chronisch kranker Pferde zeigt
Chronische Erkrankungen bei Pferden sind längst keine Seltenheit mehr. Stoffwechselerkrankungen, Magengeschwüre, orthopädische Probleme oder equines Asthma begleiten viele Pferde über Jahre hinweg. Für die betroffenen Tiere – und ebenso für ihre Besitzer*innen – bedeutet das einen Alltag, der von Unsicherheit, Verantwortung und emotionaler Belastung geprägt ist.
Weil ich das weiß und in der Wissenschaft bisher kaum auf das Thema eingegangen wurde, habe ich meine Masterarbeit in Psychologie über das Stresserleben von Besitzer*innen chronisch kranker Pferde geschrieben.
Darüber habe ich in einer Folge unseres Podcasts Psycholohü gesprochen, aber ich möchte euch auch hier daran teilhaben lassen.
Achtung: Es wird hier etwas wissenschaftlicher. Ich versuche, mich möglichst verständlich auszudrücken, aber ihr könnt natürlich auch direkt zum Ergebnis springen, wenn euch der Rest nicht interessiert.
Pferde sind Familienmitglieder
Für viele Menschen sind Pferde Familienmitglieder. Diese enge Bindung macht das Zusammensein mit dem Pferd aus, bringt Freude und Verbundenheit, aber sie birgt auch ein erhebliches Stresspotenzial, wenn das Tier chronisch krank ist.
Tierarztkosten, zeitlicher Aufwand, schwierige Entscheidungen und die permanente Sorge um das Wohlergehen des Pferdes können zu einer dauerhaften Belastung werden.
Während es in der Humanforschung bereits umfangreiche Erkenntnisse zu Stress, Caregiver Burden und Mitgefühlsmüdigkeit bei pflegenden Angehörigen gibt, ist die Forschungslage im Bereich Mensch–Tier-Beziehungen – insbesondere bei Pferdehalter*innen – erstaunlich dünn. Dabei zeigen Studien bereits, dass Bindungs- und Trauerprozesse bei Mensch–Tier-Beziehungen mit denen zwischen Menschen vergleichbar sind.
Aber ich greife vor.
Stress und Mitgefühlsmüdigkeit
Wenn ein Pferd über längere Zeit krank ist, kann sich aus anfänglicher Sorge ein Zustand entwickeln, der in der Psychologie als chronischer Stress beschrieben wird. Anders als kurzfristiger Stress, der mobilisiert und handlungsfähig macht, hält chronischer Stress über Wochen oder Monate an. Das Nervensystem bleibt dauerhaft in Alarmbereitschaft. Dafür war Stress nie gedacht, denn er sollte eigentlich dafür sorgen, dass wir kurzfristig besonders viel Energie bekommen, um Kämpfen oder Fliegen zu können.
Möglichen Folgen von lang anhaltendem Stress sind unter anderem Erschöpfung, Reizbarkeit, Schlafprobleme oder das Gefühl, innerlich nie wirklich zur Ruhe zu kommen.
Im Zusammenhang mit dauerhafter Fürsorge für einen Angehörigen oder ein Tier spricht man von von Mitgefühlsmüdigkeit (Compassion Fatigue), die sich aus chronischem Stress durch Pflege bilden kann. Dieses Konzept beschreibt eine Form emotionaler Erschöpfung, die entsteht, wenn Menschen über längere Zeit mit Leid, Sorge und Verantwortung konfrontiert sind. Die Symptome überschneiden sich stark mit Burnout oder sekundärer Traumatisierung und das Symptom, das dem Konstrukt seinen Namen gibt, zeigt deutlich, was der Zustand bedeutet: Personen stumpfen gewissermaßen ab und verlieren die Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden, weil sie so sehr an ihre körperlichen und psychischen Grenzen getrieben werden.
Auch in engen Mensch–Tier-Beziehungen kann dieser Mechanismus greifen: Die kontinuierliche emotionale Zuwendung, das Mitfühlen und das Aushalten von Unsicherheit können Ressourcen aufzehren. Wichtig ist dabei: Mitgefühlsmüdigkeit ist kein Zeichen von mangelnder Liebe oder Belastbarkeit, sondern eine nachvollziehbare Reaktion auf anhaltende Fürsorge unter emotionalem Druck, die ernst genommen werden sollte!
Forschungslücke: Stress bei Pferdehalter*innen
Ein zentrales Ergebnis meiner Literaturrecherche war: Es gibt kaum empirische Forschung zur Stressbelastung von Besitzer*innen chronisch kranker Pferde.
Wenn Pferde untersucht werden, liegt der Fokus meist auf der Interaktion mit dem Tier, nicht auf der psychischen Situation der Menschen, die Verantwortung tragen.
Im pferdegestützten Coaching profitieren viele Menschen davon, dass das Zusammensein mit dem Pferd Stress reduzieren kann und sicherlich hilft das auch vielen Reitschüler*innen. Doch ein Pferd zu besitzen ist eine völlig andere Sache!
Meine Masterarbeit versteht sich daher als erster Beitrag zu diesem bislang kaum erforschten Themenfeld.
Theoretisch basiert die Arbeit auf dem transaktionalen Stressmodell nach Lazarus & Folkman.
Demnach entsteht Stress nicht allein durch eine Situation, sondern durch deren kognitive Bewertung:
- Wie bedrohlich ist das Ereignis?
- Welche Ressourcen stehen mir zur Verfügung?
Die Hypnose-Intervention setzte genau hier an:
Durch Aufmerksamkeitsfokussierung, Entspannung und das Erleben von Sicherheit und Kontrolle können sowohl psychologische als auch physiologische Prozesse beeinflusst werden. Das stärkt die erlebte Selbstwirksamkeit, also das Gefühl, die Situation bewusst beeinflussen zu können, und verändert die Stressbewertung.
Die zentrale Forschungsfrage
Im Mittelpunkt stand folgende Frage:
Wie wirksam ist eine Hypnose-Intervention zur Reduktion von Stress bei Besitzer*innen chronisch kranker Pferde?
Daraus ergaben sich mehrere Hypothesen, unter anderem:
- ob sich das Stresserleben von Pferdebesitzer*innen von Personen ohne Pferd unterscheidet
- ob chronisch kranke Pferde mit höherem Stresserleben einhergehen
- ob eine Hypnose-Intervention zu einer stärkeren Stressreduktion führt als keine Intervention
Diese Fragen sind wichtig, um langfristig die Belastung durch den Besitz eines chronisch kranken Pferdes ernst zu nehmen und stressbedingten Folgeerkrankungen (die sowohl auf mentaler als auch auf körperlicher Ebene vielfältig sein können) vorzubeugen. Besonders Hypnose kann hier ein niederschwelliges Unterstützungsangebot sein, das leicht anzuwenden ist.
Methodik: bewusst pragmatisch gewählt
In meiner Studie habe ich das subjektive Stresserleben mit dem Perceived Stress Questionnaire (PSQ-30) erhoben. Das ist ein gut validiertes Instrument, das Aspekte wie Überforderung, Anspannung, Ermüdung und Reizbarkeit abbildet.
Warum Stress und nicht Mitgefühlsmüdigkeit?
- Für Mitgefühlsmüdigkeit existieren im Deutschen kaum valide, klar abgegrenzte Messinstrumente
- Stress ist theoretisch sauberer operationalisiert und empirisch besser abgesichert
- Stress ist quasi die Voraussetzung für Mitgefühlsmüdigkeit, also muss er eigentlich vorliegen
Die Intervention für die Experimentalgruppe bestand aus einer ressourcenstärkenden Hypnose-Audio-Datei, die innerhalb von zwei Wochen mindestens viermal angewendet werden sollte. Sie enthielt bewusst keinen Pferdebezug, sondern arbeitete mit Elementen wie einem sicherem Ort, Entspannung, Kontrolle und Selbstwirksamkeit.
Die Stichprobe
Nach Datenbereinigung umfasste die Stichprobe 80 Personen, aufgeteilt in vier Gruppen:
- Besitzer*innen chronisch kranker Pferde mit Hypnose-Intervention
- Besitzer*innen chronisch kranker Pferde ohne Intervention
- Besitzer*innen gesunder Pferde
- Personen ohne eigenes Pferd
Die Rekrutierung erfolgte über soziale Medien und Hochschulkontakte.
Zentrale Ergebnisse
Zu Beginn der Studie zeigte sich kein signifikanter Unterschied im Stresserleben zwischen den Gruppen.
Überraschend, aber erklärbar: Das Stressniveau der Gesamtstichprobe war ungewöhnlich hoch und lag in einem Bereich, der vergleichbar mit psychosomatischen Patient*innen oder Medizinstudent*innen ist. Außerdem hatten Gruppen ohne chronisch krankes Pferd teilweise mehr kritische Lebensereignisse in der näheren Vergangenheit, also beispielsweise Jobwechsel, Todesfälle oder ähnliches. Das beeinflusst das Stresserleben und kann daher zu einem verzerrten Ergebnis führen.
Wir sollten also nicht daraus schließen, dass Besitzer*innen chronisch kranker Pferde nicht stärker gestresst sind als andere Menschen – doch wir können auch nicht sagen, dass sie es sind!
Entscheidend war jedoch die Veränderung über die Zeit und hier zeigt sich ein klares Bild:
- In der Experimentalgruppe, die die Hypnose genutzt hat, zeigte sich eine signifikante Reduktion des subjektiven Stresserlebens
- In den Kontrollgruppen gab es keine vergleichbare Veränderung
Die Ergebnisse liefern damit einen Hinweis auf die Wirksamkeit der Hypnose-Intervention zur Stressreduktion in Hinblick auf den Besitz chronisch kranker Pferde.
Gleichzeitig war die Studie durch eine sehr hohe Dropout-Rate (ca. 60 %) stark limitiert. Besonders belastete Personen brachen häufiger ab, was die Aussagekraft einschränkt. Eine Generalisierung ist daher nicht möglich.
Was heißt das für uns?
Die Studie ist ein erster Hinweis darauf, dass Hypnose bereits als Audio-Datei helfen kann, um Stress bei Besitzer*innen chronisch kranker Pferde zu senken. Es braucht aber dringend noch weitere Forschung, um das ganze Feld besser zu verstehen.
Warum Hypnose wirken kann
Hypnose ist eine mächtige Methode, aber gleichzeitig liegt ein großer Zauber darum, der mit viel Unwissenheit zusammenhängt. Deswegen in Kürze ein paar wichtige Hinweise (wer mehr dazu wissen möchte, darf hier weiterlesen):
- In Hypnose ist man niemals ausgeliefert oder bewusstlos
- Hypnotiseur*innen können hypnotisierte Personen nicht dazu bringen, etwas gegen deren Willen zu machen
- Man kann nur hypnotisiert werden, wenn man es auch will
- Man kann in Hypnose sprechen und sogar die Augen öffnen
Es ist also viel weniger dramatisch, als man sich das vielleicht vorstellt. Gleichzeitig bietet Hypnose aber auch viele Möglichkeiten zur Stressreduktion. Sie ist eine der ältesten Methoden der Schmerzbehandlung und wird wahrscheinlich schon seit prähistorischen Zeiten genutzt.
Dadurch, dass es zu einem starken Abfall des Blutdruck und des Puls kommen kann, während das sympathische Nervensystem (das, einfach gesagt, für Anspannung und Wachheit zuständig ist) runtergefahren wird, erlebt man Hypnose als entspannend. Gleichzeitig kann es zu einer verstärkten Oxytocin-Ausschüttung kommen. Oxytocin ist oftmals als „Kuschelhormon“ bekannt und kann sich positiv auf die Stimmung auswirken.
Dadurch, dass man untere Hypnose erlebt, wie die Muskeln entspannen, Blutdruck, Puls und Atemfrequenz sinken und gleichzeitig ein Gefühl von Sicherheit, Kontrolle und Entspannung entsteht, ist anzunehmen, dass man auch Selbstwirksamkeit erlebt. Also das Gefühl, Einfluss auf sein Leben nehmen zu können. Das kann wiederum einen positiven Einfluss auf die Bewertung von Stress haben und zu einem insgesamt geringeren Stresserleben führen.
Die Entspannungshypnose
Hast du jetzt Interesse daran bekommen, die Entspannungshypnose auch auszuprobieren? Das kannst du machen! Ich habe sie bei YouTube hochgeladen, damit du sie ausprobieren kannst. Sie ist dafür gedacht, ein sanfter Einstieg in die Hypnose zu sein, dich zu entspannen und deine Ressourcen für stressreiche Zeiten zu stärken.
Die Hypnose ersetzt keine Beratung oder Therapie und soll nicht als Therapie angewendet werden.
Bitte höre diese Hypnose nur an einem ruhigen Ort, an dem du ungestört bist. Nicht während des Autofahrens oder bei Tätigkeiten, die deine volle Aufmerksamkeit erfordern. Du kannst die Hypnose so oft anhören, wie es sich für dich stimmig anfühlt. Die Anwendung dieser Hypnose erfolgt in eigener Verantwortung. Trotz der vielen positiven Wirkungen von Hypnose gibt es Grenzen und Kontraindikationen für ihre Anwendung. Hypnose sollte unter anderem nicht angewendet werden bei:
- Substanzabhängigkeiten
- Schizophrenie oder psychotischen Störungen
- schweren Depressionen
- Persönlichkeitsstörungen
- Epilepsie
- schweren Herz-/Kreislauferkrankungen
- Thrombose
- schweren Erkrankungen des Nervensystems (z. B. Parkinson, Multiple Sklerose)
Auch bei der Einnahme von Psychopharmaka sollte vor der Anwendung kritisch geprüft werden, ob Hypnose geeignet ist.
Es geht mir nicht darum, dir Angst vor Hypnose zu machen, denn sie ist im Prinzip nicht gefährlich! Allerdings ist mir wichtig, dich aufzuklären.
Fazit & Ausblick
Meine Masterarbeit liefert keine endgültigen Antworten, aber einen wichtigen Impuls:
- Hypnose kann ein hilfreiches Werkzeug zur Stressreduktion sein
- Das Themenfeld braucht dringend weitere Forschung. Mit größeren, stabileren Stichproben und differenzierteren Konzepten wie Mitgefühlsmüdigkeit.
Trotzdem können wir uns für die Praxis schon etwas mitnehmen:
Selbstfürsorge ist kein Luxus, sondern eine notwendige Ressource. Und zwar auch gerade dann, wenn ein Pferd krank ist. Wir können vielleicht nicht jede Sorge an ihrer Wurzel packen und lösen, aber wir können die Art verändern, wie wir ihr begegnen und dadurch unseren Stress reduzieren. Auch (aber sicher nicht nur!) durch Hypnose.
Wenn du auch Unterstützung suchst, bist du hier genau richtig. Ich bin Psychologin und arbeite als psychologische Begleitung für Besitzer*innen kranker Pferde. Dabei kann Hypnose ein Faktor sein (wenn du mehr darüber lesen willst, kannst du das hier machen), aber auch wenn du Hypnose nicht ausprobieren möchtest, bin ich gern an deiner Seite und unterstütze dich. Du kannst dafür hier ein kostenloses Kennenlerngespräch vereinbaren.


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