Bei der Recherche für unseren Podcast Psycholohü bin ich auf zwei Studien gestoßen, die den Spiegeltest mit Pferden durchgeführt haben um herauszufinden, ob Pferde in der Lage sind, sich selbst zu erkennen.

Darüber haben wir in unserer Podcastfolge gesprochen, aber wie immer fasse ich es dir hier noch einmal schriftlich zusammen.

Wissen Pferde, wer sie sind?

Hast du dir jemals Gedanken darüber gemacht, ob dein Pferd weiß, wer es ist?

Etwas wissenschaftlicher ausgedrückt geht es darum herauszufinden, ob Pferde ein „Ich-Bewusstsein“ besitzen, also die Fähigkeit, sich selbst als Individuum wahrzunehmen.

Um diese Frage zu klären wird in der Wissenschaft immer wieder der sogenannte Spiegeltest durchgeführt.

Spiegeltest

Der Spiegeltest läuft immer ähnlich ab:

  1. Phase 1 – Begegnung mit dem Spiegel:
    Das Tier wird vor einen Spiegel gestellt. Zunächst wird beobachtet, wie es überhaupt reagiert:
    neugierig, vorsichtig, spielerisch, desinteressiert?
  2. Phase 2 – Die Markierung:
    Anschließend wird eine Markierung an einer Körperstelle angebracht, die das Tier nur im Spiegel sehen kann (oftmals an der Stirn).
  3. Phase 3 – Die Reaktion:
    Das Tier sieht sich wieder im Spiegel und es wird beobachtet: Erkennt das Tier, dass die Markierung an ihm selbst ist, nicht am Spiegelbild? Versucht es, die Markierung an seinem eigenen Körper zu entfernen, gilt das als Hinweis darauf, dass das Tier sich selbst erkannt hat.

In der neueren Studie wurden 14 Pferde untersucht, wobei drei Tiere aufgrund extremen Verhaltens (stark ängstlich oder aggressiv gegenüber dem Spiegelbild) ausgeschlossen werden mussten. Übrig blieben also elf Pferde. Eine kleine Stichprobe, die man vorsichtig interpretieren muss.

Die Forscher*innen nutzten verschiedene Testbedingungen:

  • Spiegel abgedeckt – Baseline
  • Spiegel offen – normale Reaktion beobachten
  • sichtbare Markierung
  • unsichtbare Markierung
    (wichtig, um auszuschließen, dass Pferde die Markierung riechen oder fühlen)

Ergebnisse der Studie

Fast alle Pferde zeigten zu Beginn sogenanntes „contingency behaviour“. Das bezeichnet ein Verhalten, in dem sie ausprobieren, ob das Spiegelbild auf sie reagiert. Das kann ganz unterschiedlich aussehen. Zum Beispiel so:

  • Kopf hin- und herbewegen
  • aus dem Sichtfeld treten und wieder hinein
  • mit der Zunge spielen
  • näher herangehen oder seitlich schauen

Dieses Verhalten zeigt zumindest, dass die Tiere neugierig waren und das Spiegelbild untersuchten.

In Bezug auf die Markierung reagierten 9 von 11 Pferden in irgendeiner Form auf die sichtbare Markierung und kratzten sich daraufhin an Kopf oder Körper.

Auch in der Gruppe mit unsichtbarer Markierung kam ein solches Verhalten vor, allerdings deutlich kürzer. Vier Pferde zeigten einen klaren Unterschied zwischen sichtbarer und unsichtbarer Markierung.

Leider ist das alles noch kein eindeutiger Beweis dafür, dass die Pferde sich wirklich selbst erkannt haben, aber es ist zumindest ein Hinweis, dass ein Ansatz von Ich-Bewusstsein bei Pferden vorhanden sein könnte.

Probleme der Studien

Neben der schon genannten kleinen Stichprobengröße stellt sich auch die Frage, ob der Spiegeltest für Pferde generell geeignet ist. Manche kennen Spiegel bereits aus Reithallen, anderen sehen zum ersten Mal einen Spiegel. Ich gebe zu, dass ich nicht mehr weiß, ob das für die Studie beachtet wurde, aber es ist auch relevant für unsere Alltagsbeobachtungen. Immer wieder gibt es Fälle, in denen Pferde sogar in den Spiegel springen, wenn sie im Freilauf trainiert werden. Wahrscheinlich liegt das eher an Stress, fehlender Orientierung und/oder einem eingeschränkten Sichtfeld, doch es bleibt dennoch die Frage, ob das den Ergebnissen des Spiegeltests nicht entgegen steht.

Auch Pferde, die beim Anblick ihres eigenen Spiegelbildes wiehern zeigen eher ein Verhalten, das darauf hindeutet, dass sie annehmen ein anderes Pferd zu sehen.

Eine eindeutige Interpretation des Verhaltens ist also schwierig.

Fazit

Die Ergebnisse sind spannend – aber nicht eindeutig. Die Studie zeigt:

  • Pferde könnten in Ansätzen erkennen, dass sie selbst im Spiegel zu sehen sind.
  • Die Datenlage ist zu dünn, um klar zu sagen: Ja, Pferde erkennen sich selbst.
  • Es gibt viele andere Einflussfaktoren: Neugier, Angst, frühere Erfahrungen, Intelligenz, Haltung, Training.

Wie so oft in der Wissenschaft heißt das, dass es weitere Forschung benötigt, um mehr sagen zu können.

Warum ist das für uns überhaupt wichtig?

Im Prinzip könnte uns fast egal sein, ob unsere Pferde ein Ich-Bewusstsein haben, denn auf den ersten Blick ändert das nichts an unserem Training, aber vielleicht ändert es doch etwas daran, wie wir über Pferde denken:

  • Wie viel Bewusstsein, Persönlichkeit und Innenleben gestehen wir ihnen zu?
  • Welche ethischen Konsequenzen hätte es, wenn Pferde ein echtes Ich-Bewusstsein besitzen?
  • Müssten wir unser Training ändern oder zeigt die Frage eher, dass respektvoller Umgang eh schon selbstverständlich sein sollte?
  • Möglicherweise wäre ein wissenschaftlicher Beleg für höhere kognitive Fähigkeiten ein starkes Argument gegen veraltete Trainingsmethoden, die auf Zwang und „Funktionieren“ setzen.

Impuls für dich:

Frage dich doch selbst einmal, ob du deinem Pferd die Fähigkeit eines Ich-Bewusstseins zugesprochen hast und inwieweit das dein Training beeinflusst. Und wenn du die Chance hast, dein Pferd vor einen Spiegel zu stellen, gib ihm doch mal die Zeit, sich damit aktiv auseinanderzusetzen und beobachte es dabei, um deine eigenen Schlüsse zu ziehen.

Quellen

Baragli, P.; Demuru, E.; Scopa, C.; Palagi, E. (2017). Are horses capable of mirror self-recognition? A pilot study. PLOS One. 12(5). 

Baragli, P.; Scopa, C.; Maglieri, V.; Palagi, E. (2021). If horses had toes: demonstrating mirror self recognition at group level in Equus caballus. Animal Cognition. 24. 1099 – 1108.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

, ,


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert